FÜR ÄRZTE UND THERAPEUTEN

Viele Medikamente beeinflussen Darm-Mikrobiota

Antidepressiva, PPI, orale Kontrazeptiva & Co.

Antibiotika können die Mikrobiota stark schädigen, das ist mittlerweile bekannt. Aber auch viele andere Arzneimittel hemmen das Wachstum wichtiger Darmbakterien, wie Wissenschaftler vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg in einer Studie gezeigt haben.1

Die Wissenschaftler um Lisa Maier und Peer Bork untersuchten etwa 1.000 unterschiedliche Medikamente - darunter Entzündungshemmer und Antipsychotika. Dabei analysierten sie, wie die Arzneimittel das Wachstum von 40 typischen Vertretern der Mikrobiota beeinflussen.

Das Ergebnis: Etwa jedes vierte der getesteten Mittel hemmte mindestens eine der gemessenen Bakterienarten.

Über die Hemmung beeinflussen die Medikamente die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft im Darm - manchmal Teil der gewünschten Wirkung, aber meistens unbeabsichtigte Nebenwirkung.


Besonders bemerkenswert:

Bakterielle Resistenzmechanismen scheinen sich zu ähneln, auch wenn es sich um ganz unterschiedliche Medikamente handelt. So waren Bakterien, die gegen Antibiotika resistent waren, oft auch immun gegen andere Arzneimittel - und umgekehrt. Das wirft die Frage auf, inwieweit die Einnahme nicht-antibiotischer Mittel zur Resistenz gegenüber Antibiotika beiträgt.


Erste Hinweise bereits 2016

Bereits 2016 sind die Ergebnisse zweier Kohortenstudien veröffentlicht worden, die die Zusammensetzung der Mikrobiota mit zahlreichen Faktoren in Zusammenhang bringen - darunter auch verschiedene Medikamente.2 

In der einen Studie untersuchten Wissenschaftler die Mikrobiota gesunder Freiwilliger in Belgien. Aus etwa 1.100 Stuhlproben identifizierten sie insgesamt 664 Bakteriengattungen, von denen aber nur 35 Gattungen wie Faecalibacterium, Bacteroides oder Bifidobacterium ein Kern-Mikrobiom bildeten, also bei mindestens 95 Prozent der Probanden vorkamen.

Folgende Medikamente beeinflussten den Untersuchungen zufolge die Mikrobiota:

  • Antibiotika
  • osmotische Laxanzien
  • Medikamente zur Behandlung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (IBD)
  • hormonelle Kontrazeptiva
  • Benzodiazepine
  • Antidepressiva und
  • Antihistaminika.

Während β-Lactam-Antibiotika und Mesalazin beispielsweise die Artenvielfalt verringerten, erhöhten hormonelle Kontrazeptiva den Anteil der Kern-Arten.


In der zweiten Untersuchung an 1.135 Niederländern fanden die Wissenschaftler insgesamt 126 Faktoren, die mit einer veränderten Zusammensetzung der Mikrobiota korrelierten - darunter 19 Arzneimittelgruppen.3 Zu den Medikamenten aus der ersten Studie kamen folgende neu hinzu:

  • Protonenpumpen-Inhibitoren
  • Statine
  • Betablocker
  • Opiate
  • Metformin
  • ACE-Hemmer und
  • Plättchen-Aggregationshemmer.

Die Einahme der Medikamente beeinflusste nicht nur die Zusammensetzung der Mikrobiota, sondern veränderte auch die bakteriellen Stoffwechselwege. 
So nahmen zum Beispiel Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) Einfluss auf insgesamt 33 bakterielle Stoffwechselwege. Metformin förderte zum einen die Bildung kurzkettiger Fettsäuren - insbesondere des Propionats - und ließ zum anderen die Zellzahlen von E. coli ansteigen.

Noch sind die Wirkmechanismen nicht im Detail bekannt, weitergehende Untersuchungen sind deshalb wichtig. Denn erst wenn die Wirkung der Medikamente auf die Mikrobiota mitbetrachtet wird, lässt sich der umfassende Einfluss von Medikamenten auf die Gesundheit nachvollziehen.


Mehr zur Mikrobiota-Diagnostik

KyberBiom®

die intelligente Mikrobiom-Diagnostik mit Resilienz-Index, funktionellen Gruppen und FODMAP-Typ

Arteriosklerose-Risiko

mittels TMA-bildender Enzyme der intestinalen Mikrobiota erfassen

Durchfallerreger

Bakterielle oder virale Erreger, Würmer und Parasiten als Durchfall-Ursache nachweisen