FÜR ÄRZTE UND THERAPEUTEN

Reizdarmsyndrom: Verändertes Mikromilieu

Beim Reizdarmsyndrom (RDS, englisch: IBS = irritable bowel syndrome) handelt es sich nach aktueller Definition um rein funktionelle Beschwerden bei der Verdauung. Allerdings wird immer deutlicher: Im Mikromilieu des Darms finden sich bei Reizdarmpatienten durchaus krankhafte, organische Veränderungen. Dazu zählen eine veränderte Darm-Mikrobiota, eine erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut und subklinische Entzündungen mit erhöhten Leukozyten-Zahlen1.

Das Wechselspiel von Darmflora, Schleimhaut und mukosalem Immunsystem bestimmt das Mikromilieu im Darm und damit auch die Verdauung. Faktoren wie die Ernährung, die psychische Situation, Infektionen oder die Einnahme von Medikamenten können auf die drei Ebenen einwirken und das Mikromilieu nachhaltig verändern. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge ist das bei Reizdarm-Patienten häufig der Fall.
Etwa jedes vierte Reizdarmsyndrom entsteht zum Beispiel nach einer Gastroenteritis, oft ist es auch Folge einer oder mehrerer Antibiosen.


Dysbiose, Leaky Gut und die Folgen

Eine Dysbiose der Darm-Mikrobiota2,3 ist typisch für viele Reizdarm-Patienten: Die Zellzahlen wichtiger Bakteriengruppen oder -arten wie Bifidobakterien und Faecalibacterium sind häufig verringert, Bakterien wie die Proteolyten dagegen vermehrt4. Psychischer Stress verändert die Darmflora zum Beispiel über das Corticotropin-Releasing-Hormon und die Katecholamine, die typischerweise in Stresssituationen freigesetzt werden.5

Das Corticotropin-Releasing-Hormone erhöht auch die Dünndarm-Permeabilität, wahrscheinlich sind die Mastzellen an dem stressbedingten Mechanismus beteiligt.6 Bei Patienten mit postinfektiösem und Diarrhö-prädominantem Reizdarm ist die Darmschleimhaut ebenfalls angegriffen, die Tight-Junction-Proteine sind verringert7 und strukturell verändert.

Die Folge ist ein Leaky-Gut-Syndrom mit verstärkter Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Dadurch können Allergene, Bakterienbestandteile und weitere Noxen in die Darmmukosa eindringen und subklinische Entzündungen auslösen. Wissenschaftler haben derartige Entzündungen mit erhöhten Leukozyten-Zahlen1 bei Reizdarm-Patienten nachgewiesen.


Aktivierte Immunzellen und Schmerz

Gleichzeitig sind die mukosalen Immunzellen bei Untergruppen der Reizdarm-Patienten stärker aktiviert, ganz besonders die Mastzellen.7 Die Zellen setzen Immunfaktoren wie Proteasen, Histamin und Prostanoide frei und halten so die erhöhte Schleimhaut-Permeabilität aufrecht.

Die Proteasen tragen außerdem zu veränderten neuronalen Reaktionen bei, wodurch Reizdarm-Patienten Schmerz stärker wahrnehmen. Das hat eine Arbeitsgruppe um Michael Schemann8 an der TU München gezeigt. Die Wissenschaftler entnahmen Schleimhaut-Biopsate von Patienten mit Reizdarmsyndrom und verglichen sie mit Biopsaten von gesunden Probanden. Dabei stellten sie fest: Nur die Schleimhautüberstände der Erkrankten verstärkten die Nervenaktivität; als Auslöser konnten die Wissenschaftler die Proteasen identifizieren. Die Verdauungsenzyme dienen auch als Signalproteine für das enterische Nervensystem.


Diagnostisches Vorgehen

Bevor das Mikromilieu untersucht wird, müssen allerdings schwere organische Erkrankungen ausgeschlossen werden. Dazu zählen:

  • Akute Magen-Darm-Erkrankungen
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
  • Erkrankungen von Bauchspeicheldrüse oder Leber
  • Krebserkrankungen
  • Bei Frauen: Gynäkologische Erkrankungen


Anschließend empfiehlt es sich, zuerst die Ursachen abzuklären, die am häufigsten für die Beschwerden verantwortlich sind. Die anschließende Therapie führt dann bereits bei den meisten Patienten zum Erfolg:


Wir haben deshalb einen Leitfaden entwickelt, der Sie Stufe für Stufe durch die relevante Diagnostik führt und Ihnen auch bei schwierigen Fällen weiterhilft:


Therapien, die auf das Mikromilieu abzielen

Sind die genauen Veränderungen im intestinalen Mikromilieu der Patientin oder des Patienten bekannt, lässt sich therapeutisch gegensteuern. Um ein gesundes Gleichgewicht wiederherzustellen, ist es meist notwendig, an mehreren Stellschrauben zu drehen. Dafür steht eine ganze Palette an natürlichen Behandlungsmethoden bereit, wie zum Beispiel die:

  • Mikrobiologische Therapie
  • Ernährungsumstellung, z. B. FODMAP-arm, temporäre Karenz oder Reduktion
  • Phytotherapie
  • Orthomolekulare Therapie

Reizdarmsyndrom: Definition und Untergruppen

In Deutschland leiden geschätzte 13 Prozent9 der Bevölkerung unter dem Reizdarmsyndrom, Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.

Die Rom-IV-Konsensus-Kriterien10 verschiedener medizinischer Gesellschaften definieren das Krankheitsbild als wiederkehrende abdominelle Schmerzen, mindestens einmal pro Woche, verbunden mit zwei der drei folgenden Faktoren:

  • Zusammenhang mit Stuhlentleerung
  • Veränderung der Stuhlhäufigkeit
  • Veränderung der Stuhlkonsistenz

Die Kriterien sollen während der letzten drei Monate erfüllt sein, und der Beginn der Symptome soll mindestens sechs Monate zurückliegen.

Dabei lassen sich Untergruppen einteilen:

  • Diarrhö-prädominantes Reizdarmsyndrom (RDS-D/IBS-D)
  • Obstipation-prädominantes Reizdarmsyndrom (RDS-O/IBS-O)
  • Reizdarmsyndrom mit wechselnden Stuhlgewohnheiten (RDS-M/IBS-M), auch gemischt/alternierend bezeichnet

Oft leiden die Betroffenen kurz vor der Defäkation an heftigen Bauchkrämpfen, die sich nach dem Stuhlgang bessern. Viele Patienten klagen besonders über Blähungen und Meteorismus.


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