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Mikrobiota bei Anorexia nervosa • mikrooek.de

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Veränderungen der Mikrobiota bei Anorexia nervosa-Patienten

Die derzeitige Behandlung der Magersucht basiert vor allem auf Psychotherapie. Etwa die Hälfte der Patienten wird langfristig wieder gesund. Dr. Isabelle Mack vom Universitätsklinikum Tübingen stellte während der Fachtagung Erkenntnisse zur Mikrobiota vor, die zu neuen Therapie-Ansätzen und damit zu besseren Behandlungsergebnissen beitragen können.

Anorexia nervosa, im Volksmund auch als Magersucht bezeichnet, gehört zu den psychischen Erkrankungen mit der höchsten Mortalitätsrate. Anorexia nervosa-Patienten haben eine gestörte Gewichtsregulation und meist massive gastrointestinale Beschwerden. Klassisch erfolgt die Behandlung mit einer Psychotherapie. „Doch Psychotherapie hin oder her – lediglich 50 Prozent der Patienten werden langfristig geheilt“, so Dr. Isabelle Mack in ihrem Vortrag auf der 4. Fachtagung für Mikroökologie am 15. Oktober 2016 in Herborn. Zusätzliche Ansätze zur Verbesserung des Therapieerfolgs seien dringend nötig.

Zusammenhang zwischen Darmflora und Magersucht

Als gesichert gilt: psychologische Faktoren und Umweltfaktoren sind die kausalen Auslöser der Anorexia nervosa. Auch physiologische Faktoren stehen im Verdacht, die Krankheit verursachen oder zumindest beeinflussen zu können. „Die intestinale Mikrobiota könnte hier auch einen Einfluss haben“, so Mack. Denn die Mikrobiota wirkt nicht nur auf den menschlichen Stoffwechsel ein, sondern auch auf die Vaskularisierung des Darms, die intestinalen Funktionen und über die Darm-Hirn-Achse wahrscheinlich sogar auf das menschliche Verhalten. Sie spielt eine wichtige Rolle bei gastrointestinalen Beschwerden und Erkrankungen, aber auch bei der Gewichtsregulation: „Die Mikroben in unserem Darm produzieren kurzkettige Fettsäuren wie beispielsweise die Buttersäure. Fünf bis zehn Prozent unserer Energieaufnahme decken wir durch diese kurzkettigen Fettsäuren“, erklärte Mack. Mögliche Zusammenhänge zwischen Mikrobiota, Darmbeschwerden und Gewichtsregulation sehen Forscher auch bei Magersucht-Patienten: Bei ihnen ist die Zusammensetzung der Darmflora stark verändert.

Studie mit 55 Anorexia nervosa-Patientinnen

Den Zusammenhang zwischen Anorexia nervosa und intestinaler Mikrobiota untersuchen Mack und Kollegen in einer Studie in Kooperation mit der Schönklinik in Prien am Chiemsee. Dabei gehen sie gleich mehreren Forschungsfragen nach:

1. Wie unterscheidet sich die intestinale Mikroflora von Anorexia nervosa-Patientinnen von der Mikroflora altersgleicher, gesunder Normalgewichtiger?

2. Kommt es zu einer Angleichung der intestinalen Mikrobiota von Anorexia nervosa-Patientinnen, nachdem sich ihr Gewicht normalisiert hat?

3. Wie stehen die Befunde im Kontext von gastrointestinalen Beschwerden und Ernährung?

Um den Fragen auf den Grund zu gehen, sammelte das Studienteam Stuhlproben von 55 Patientinnen zu Beginn ihrer Anorexia nervosa-Therapie in der Schönklinik. „Die Patientinnen waren zwischen 14 und 40 Jahren alt und hatten einen Anfangs-BMI von 15,3“, so Mack. Der durchschnittliche Klinikaufenthalt betrug 14 Wochen. Am Ende der Therapie lag der durchschnittliche BMI bei 17,7. „Das ist eine enorme Gewichtszunahme in so kurzer Zeit“, kommentierte Mack. Von 44 Patientinnen erhielt das Studienteam bei Therapieende eine weitere Stuhlprobe. Als Vergleichsgruppe dienten Frauen gleichen Alters mit einem durchschnittlichen BMI von 21,6.

Verdauungsbeschwerden bessern sich mit zunehmendem Gewicht

Die Studiendaten zeigten: Zu Beginn der Therapie hatten die Anorexia nervosa-Patientinnen massive Beschwerden im oberen und unteren Verdauungstrakt. „Im Laufe der dreieinhalb-monatigen Therapie verbesserten sich die Beschwerden der Anorexia nervosa-Patientinnen zwar, sie erreichten aber nie das Niveau der gesunden Normalgewichtigen“, so Mack. Vor allem mit Völlegefühl und Blähungen hatten die Anorexia nervosa-Patientinnen anhaltend zu kämpfen.

Darmflora bleibt auch nach Gewichtszunahme verändert

Wie die Untersuchungen der Stuhlproben zeigten, unterscheidet sich die Zusammensetzung der Darmflora von Anorexia nervosa-Patientinnen von der gesunder Normalgewichtiger. Das verschobene Darmflora-Muster gleicht sich gegen Ende der Therapie nicht an das Muster Normalgewichtiger an. Das hat das Studienteam um Mack überrascht. „Genau das Gegenteil haben wir beobachtet: Das Muster scheint sich mit steigender Gewichtszunahme sogar noch stärker abzubilden“, so Mack, „allerdings wird die Zahl der mucosabbauenden Bakterien im Laufe der Therapie geringer, was eine Abnahme der gastrointestinalen Beschwerden erklären könnte.“

Verzweigtkettige Fettsäuren wie die Iso-Buttersäure sind klassische Marker für eine Eiweißfermentation. Die Fettsäuren kamen laut Macks Studiendaten bei Anorexia nervosa-Patientinnen häufiger vor als bei den gesunden Normalgewichtigen. „Interessanterweise auch noch nach der Gewichtszunahme“, so Mack. Doch immerhin nahm die Diversität der Bakterien bei den Patientinnen mit Anorexia nervosa im Laufe der Therapie zu.

Therapiechance Pro- und Prebiotika

Zusammenfassend stellte Mack zum Ende ihres Vortrags fest: „Die Daten sind eine gute Basis für zukünftige Interventionsstudien, die darauf abzielen könnten, die intestinale Mikrobiota zum Beispiel mittels Pro- oder Prebiotika günstig zu beeinflussen.“ Mack hofft, die Compliance der Patientinnen deutlich erhöhen zu können, wenn Pro- oder Prebiotika die zum Teil massiven Magen-Darm-Beschwerden der Patienten gleich zu Beginn der Therapie deutlich lindern.

Literatur:

  1. Mack I et al. Weight gain in anorexia nervosa does not ameliorate the faecal microbiota, branched chain fatty acid profiles, and gastrointestinal complaints. Sci Rep. 2016 May 27;6:26752.

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