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Burnout und Mikrobiologie • mikrooek.de

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Burnout – ein Fall für die Mikrobiologie?

Burnout ist eine totale Erschöpfung, die dem Betroffenen die Lebensqualität nimmt und seine Arbeitsfähigkeit stark einschränkt. Dr. Peter Vill, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde in Erlangen, stellte auf der 4. Fachtagung für Mikroökologie die Kasuistik eines Burnout-Patienten vor.

Der Begriff Burnout beschreibt eine völlige emotionale, geistige und körperliche Erschöpfung. „Im Jahr 2012 waren etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung von einem Burnout betroffen. Das ist eine nennenswerte Menge und die Tendenz ist steigend“, berichtete Dr. Peter Vill, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilkunde. Deutlich gehäuft kommt ein Burnout zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr vor. „Das hat auch einen Grund, denn hier schlägt das Klimakterium zu – auch beim Mann“, erläuterte Vill. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, wobei das Burnout-Risiko für beide Geschlechter mit dem sozialen Status steigt.

Im Gegensatz zu depressiven Menschen spüren Patienten mit einem Burnout keine Traurigkeit, sondern eine allumfassende Gleichgültigkeit. „Sie können ihre Emotionen nicht mehr anstoßen“, beschrieb Vill den charakteristischen Gemütszustand. Reizbarkeit und Zynismus gehören außerdem zum Krankheitsbild. Im Laufe der Zeit und mit Fortschreiten der Erkrankung ziehen sich die Betroffenen meist zurück und kompensieren die Situation nicht selten mit Drogen und Suizidgedanken.

Kasuistik eines 37-Jährigen Burnout-Patienten

Auf der 4. Fachtagung für Mikroökologie am 15. Oktober 2016 in Herborn stellte Vill einen Burnout-Fall aus seinem Praxisalltag vor und erörterte dabei den Zusammenhang zwischen Darm-Mikrobiota und Burnout.

Vill beschrieb seinen 37-jährigen Patienten als hochgewachsen, muskulös und schlank. Der aus Frankreich stammende Mann arbeite als Designer in leitender Position bei einem Weltkonzern – nach eigenen Angaben oft mehr als 60 Stunden pro Woche. „Er hat sich voll in die Arbeit reingehängt und war mit seiner ganzen Energie dabei“, schilderte Vill. Über die Jahre habe ihn die Arbeit aber stark in Mitleidenschaft gezogen, weshalb er in Absprache mit seiner Frau beschloss, beruflich für ein Jahr auszusteigen und sich um die vier und fünf Jahre alten Kinder zu kümmern. Als der Patient sich in Vills Praxis vorstellte, waren bereits drei Monate seines Vaterschaftsjahres vergangen. „Er schilderte sein Befinden als häufig müde und antriebslos. Selbst in den drei Monaten der beruflichen Entlastung sei das nicht wirklich besser geworden“, so Vill. Der Patient beschrieb seinen Gemütszustand als oft angespannt, reizbar und ängstlich. Um die Gefühle zu kompensieren, trieb er extrem viel Sport – auch zu Zeiten, als er noch berufstätig war.

Infekt-Neigung hält an

Im Anamnesegespräch berichtete der Patient, er habe als Kleinkind häufig unter Mandelentzündungen gelitten und deshalb oft Antibiotika eingenommen – bis die Mandeln in seinem dritten Lebensjahr entfernt wurden. In den letzten Jahren habe ihn eine zunehmende Infekt-Neigung immer wieder von der Arbeit abgehalten. Auch jetzt in der Elternzeit halte die Infektanfälligkeit an.

Der Patient litt außerdem jedes Jahr unter einer starken Pollinose. „Sie wurde natürlich abgeklärt – die begleitenden Lebensmittel IgE-Tests waren jedoch alle unauffällig“, berichtete Vill. Sein Patient klagte weiterhin über Meteorismus und Flatulenz mit Stuhlunregelmäßigkeiten. Nebenbefundlich gab der Patient eine Knotenstruma an.

Stressachse ist daueraktiviert

Burnout entsteht aus einem Missverhältnis zwischen den äußeren oder auch inneren Anforderungen eines Menschen und seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit. Das aktiviert dauerhaft die Stressachse – von Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere. „Die Daueraktivierung lässt sich nicht mehr so leicht abstellen und mit der Zeit kommt es zu Misserfolgen, weil die Leistungsfähigkeit abfällt. Der empfundene Sinnverlust in der eigenen Arbeit lässt die Patienten zunehmend verzweifeln“, so Vill. Der Betroffene habe das Gefühl, seine Situation nicht mehr selbst beeinflussen zu können. „Irgendwann kommt es zur totalen Erschöpfung der Stressachse.“

Sport diagnostisch nutzen

Burnout-Patienten haben keine eigene ICD 10-Ziffer – Burnout ist eine Zusatzdiagnose. Um das Krankheitsbild zu diagnostizieren, ist eine ausführliche Anamnese unumgänglich. Nach dem Ausschluss anderer körperlicher Erkrankungen helfen psychologische Tests, die Diagnose Burnout zu stellen und von Erkrankungen wie Depression, Panikattacken oder Chronisches Müdigkeitssyndrom (CFS) abzugrenzen. „Sie können einen CFS-Patienten relativ leicht von einem Burnout-Patienten unterscheiden, wenn Sie die Patienten bitten, Sport zu machen. Dem CFS-Patienten wird das kaum möglich sein und wenn doch, wird sich seine körperliche Erschöpfung dadurch am nächsten Tag wesentlich verschlimmert haben. Ein Burnout-Patient kann durchaus zu einem Workout in der Lage sein und das auch als entlastend empfinden“, erklärte Vill seinen Zuhörern.

Auch die Aktivität des Glucocorticoid-Rezeptors kann Aufschluss über das Krankheitsbild geben. Der Rezeptor reguliert, wieviel Cortisol eine Zelle aufnimmt. „Bei einem CFS-Patienten ist die Aktivität des Rezeptors erhöht, bei der Depression erniedrigt und bei einem Burnout-Patienten im Normbereich“, erklärte Vill. Daneben kann auch der „Brain-derived neurotropic factor“ (BDNF) Orientierung bei der Diagnose bieten. Das Peptid fördert die neuronale Plastizität des Hypothalamus. Erniedrigt ist der Wert bei Depressionen und Burnout, erhöht bei Neurodermitis und Fibromyalgie.

Resilienz verbessern

„Im Zuge der Therapie geht es in erster Linie darum, den Patienten in ein anderes Umfeld einzubetten“, erklärte Vill. Zum einen müssten die internen und externen Anforderungen heruntergeschraubt werden. Zum anderen müsse die Leistungsfähigkeit, die objektiv deutlich vermindert sei, wieder angehoben werden. „Das geht, wenn wir die Resilienz des Patienten verbessern“, so Vill.

Die Resilienz ist die Toleranz eines Systems gegenüber inneren und äußeren Störungen.

Studien der Psychologin Emmy Werner zufolge fördern folgende Faktoren die Resilienz:

  • Zuwendung im Kindesalter,
  • ein festes soziales Netz,
  • eine intakte Partnerschaft und
  • ein gutes Selbstwertgefühl.

„Aus allgemeinmedizinischer Sicht sind vor allem folgende Faktoren für ein stabiles, menschliches Gleichgewicht wichtig: eine vernünftige Hygiene, regelmäßiger Sport, eine ausgewogene und individualisierte Bio-Vollwerternährung, eine intakte intestinale Mikroökologie, eine mangellose Mikronährstoffversorgung und ein optimaler Hormonstatus“, so Vill.

Wenig Fleisch und viel Gemüse, aber reichlich Süßigkeiten

Vills Patient ernährte sich nach eigenem Empfinden relativ gesund. Er aß regelmäßig drei größere Mahlzeiten und mehrere kleine Zwischenmahlzeiten. Auf dem täglichen Speiseplan standen Milchprodukte wie Käse und Joghurt, Fleisch hingegen verzehrte er maximal zweimal pro Woche. Allerdings aß der Patient nach eigenen Angaben viele Süßigkeiten. Während der Patient auf Obst und Salate weitgehend verzichtete, verzehrte er reichlich Gemüse in Kombination mit Brot und anderen Kohlenhydraten.

Veränderte Darm-Mikrobiota, Typ-III-Allergie und zu wenig Selen

Bei der vorbehandelnden Ärztin hatte der Patient bereits seine Stuhlflora untersuchen lassen und brachte die Ergebnisse in Vills Praxis mit. Der pH-Wert des Stuhls lag mit pH 7,5 im leicht alkalischen Bereich. „In der Schutzflora herrschte ein Defizit an Laktobazillen; außerdem hatten sich unphysiologische E. coli-Varianten vermehrt und es lag sowohl eine Candida- als auch eine Schimmelpilzbelastung vor“, erläuterte Vill den Befund. Die vorbehandelnde Ärztin hatte dem Patienten ein probiotisches Präparat aus Laktobazillen und Bifidobakterien verschrieben, außerdem Thyronajod 75 gegen die Knotenstruma in Kombination mit Vitamin C, D und Zink als Supplement.

Vill erweiterte die Diagnostik, mit folgenden Ergebnissen:

  • Glucocorticoidrezeptor-Aktivität (GRA): im Normbereich
  • BDNF: leicht erniedrigt
  • TSH 0,48 mU/l: trotz Medikation latente Hyperthyreose
  • Vitamin D 40,8 mcg/l: gut aufgefüllt
  • Selen im Vollblut 89,6 mcg/l: zu tief
  • DAO: nicht erniedrigt, keine Histaminproblematik
  • Säure-Pufferkapazität reduziert (65): starke Übersäuerung

„Hier begann meine Sanierungsarbeit, für die ich ein dreiviertel Jahr bis zum Wiedereintritt meines Patienten in die Berufstätigkeit Zeit hatte“, so Vill. Ein KyberAllergoplex44(KAP44)-Test auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten gehört schon fast zu den Standarduntersuchungsmethoden in Peter Vills Praxis. Die KAP44-Diagnostik weist IgG1-3-Antikörper gegen 44 verschiedene Lebensmittel im Blut nach, gegen die am häufigsten Typ-III-Allergien auftreten. Der Test zeigte eine deutliche Reaktion auf Kuhmilchprodukte und glutenhaltige Getreide. „Auf die Lebensmittel zu verzichten, bedeutete für meinen französischen Patienten eine große Lebensumstellung“, erinnerte sich Vill, „aber er hat es gemacht.“

Ernährungsumstellung, Ausschleichen von Thyronajod 75 und Autovaccine-Gabe  

Die neue Gesamt-Therapie setzte sich folgendermaßen zusammen:

  • Ernährungsumstellung nach KAP44
  • Fortführung der Probiotikagabe
  • Homöopathisiertes Eigenblut zur Regulation des Immunsystems
  • Vitamin B-Komplex und Selen zur Unterstützung des Nervensystems
  • Ausschleichen von Thyronajod 75
  • Autovaccine Stufe 9 und 8 (gegen immunologischen Shift auf TH2)

Besserung – dann Rückfall

Nach der Ernährungsumstellung waren Meteorismus und Flatulenz nahezu vollständig verschwunden; nach der Autovaccinbehandlung war der Stuhlgang des Patienten regelmäßig und hatte eine normale Konsistenz.
Infekte blieben gänzlich aus, die saisonale Pollinose war nur noch schwach ausgeprägt. Nach neun Monaten fühlte sich der Patient insgesamt wieder fit und leistungsfähig.

Doch bereits kurze Zeit nach der Wiederaufnahme der Arbeit klagte der Mann über  Verspannungen, Magenschmerzen und formlose Stühle. Ein erneuter Blick auf die Mikrobiota des Patienten zeigte Vill:

  • Der pH-Wert des Stuhls hatte sich auf 6,0 in den Normbereich verbessert.
  • Hefe- und Schimmelpilzbelastung waren verschwunden.
  • Das Laktobazillendefizit war immer noch vorhanden.

„Insgesamt hatte sich der Zustand des Darms im Vergleich zum Anfangsbefund deutlich verbessert“, so Vill. Auch die KyberPlus-Stuhldiagnostik brachte keine Hinweise auf Entzündungen oder eine durchlässige Darmwand – einen Leaky gut. „Offenbar war der Stress in der Arbeit dafür verantwortlich, dass die Symptome wieder aufgetreten sind“, resümierte Vill.

Stress lässt Symptome wieder aufkeimen

Der Hormonstatus zeigte: der Patient litt tatsächlich bereits kurze Zeit nach der Wiederaufnahme seiner Arbeit unter massivem Stress. So lag beispielsweise das dämpfend wirkende Serotonin weit unter dem Normbereich, während das Cortisol-Level deutlich erhöht war.

„Ich habe den Patienten mit Symbioflor 1, SymbioLact comp und Heilerde behandelt. Weiterhin erhielt er Autovaccine Stufe 7 bis 4 und der Patient musste - nach einem ausführlichen Gespräch - für eine bessere Work-Life-Balance sorgen“, so Vill. Zur Verbesserung der Serotoninproduktion erhielt er 5 HTP 100 mg vor dem Schlafengehen. Vill entschied sich außerdem, den Vitamin B-Komplex weiter zu verabreichen, dieses Mal in Kombination mit Omega 3 und Zink. Zusätzlich erhielt der Patient ein Präparat aus Uferwolfstrappkraut zur Stabilisierung der Schilddüsenfunktion.

Vills Fazit lautete: Bei der Behandlung eines Patienten mit Burnout liegt der Fokus nicht auf seiner Mikrobiota, sie ist aber eine mögliche Stellschraube bei der Behandlung. „Burnout ist also AUCH ein Fall für Mikrobiologie!“ schloss Vill seinen Vortrag.

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